Über Schule, Schauspieler und Ikea-Betten! 

Artikel von Iris Trimboli 

Frage: Was haben Keira Knightley, Orlando Bloom, Tom Cruise, Anthony Hopkins, Patrick Dempsey oder Whoopi Goldberg gemeinsam? 

Ja, genau, sie allesamt sind bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler. 

Was haben diese begabten und berühmten Personen jedoch mit Michael Jackson, König Carl Gustaf oder seine Tochter, der Kronprinzessin Viktoria von Schweden, mit Noel Gallagher oder Charles Darwin gemeinsam? 

Abgesehen davon, dass sie ausnahmslos sehr bekannte Persönlichkeiten waren oder sind, findet man kaum einen gemeinsamen Nenner. Und dennoch gibt es ihn: Sie alle waren oder sind Legastheniker. 

„Legastheniker? Legasthenie? Davon habe ich auch schon gehört! Das ist doch, wenn man nicht gut liest oder schreibt und die Buchstaben verdreht?!“. So oder so ähnlich lauten die Reaktionen ganz oft, wenn Menschen über Legasthenie sprechen. 

Was genau ist also Legasthenie? 

Mit absoluter Sicherheit kann man sagen, was sie nicht ist. Legasthenie ist keine Krankheit, keine Behinderung, keine Störung oder gar ein Mangel an Intelligenz. Die meisten Legastheniker haben eine gute bis überdurchschnittliche Intelligenz. Viel mehr weiss man heute, dass die Legasthenie genbedingt ist und oft vererbt wird, denn 50-60% der Legastheniker haben einen legasthenen Elternteil und in den Chromosomen 6 und 15 lässt sich die Anlage zur Legasthenie feststellen. 

Das Wort Legasthenie setzt sich zusammen aus: „legere“ (lateinisch) also „lesen“ und „asthéneia“ (altgriechisch), was so viel wie „Schwäche“ heisst. Also „Leseschwäche“. 

Es ist tatsächlich so, dass die meisten Kinder mit einer Legasthenie auffallen, weil sie „schwach im Lesen“ sind. Sie haben Schwierigkeit beim Verbinden der einzelnen Laute. Ihr Lesetempo ist sehr langsam und stockend. Oft werden keine Satzzeichen und Punkte gelesen. Die Stimme wird nicht gesenkt beim Satzende, oder es liegen allgemein ganz wenig „Emotionen“ in ihr. 

Worte werden abgehackt und nicht zu Ende gelesen, nicht genau gelesen oder einfach erraten. Wörter werden mit grosser Mühe nacheinander gelesen und der Sinn und Textinhalt häufig gar nicht verstanden. Auch Kinder, die bereits in der 5. oder 6. Klasse sitzen, fallen auf, weil sie noch Schwierigkeiten mit dem Lesen haben. 

Aber leider ist es nicht nur das Lesen, sondern in den allermeisten Fällen auch das Schreiben, was den legasthenen Kindern Schwierigkeiten bereitet. Ein Diktat oder ein Aufsatz, oder etwas, das von der Tafel oder von einem Buch abgeschrieben wurde, strotzt oft vor Fehlern. Sie verwechseln Buchstaben, die ähnlich aussehen (z.B. p q g d b ei ie M W usw.) oder ähnlich klingen (q k /t d /f v /k g usw.). 

Buchstaben, Wortteile und ganze Wörter werden vertauscht oder gar weggelassen. Doppelungen und Dehnungen werden nicht gehört und kaum berücksichtigt. Die Gross- und Kleinschreibung wird anscheinend konsequent „ignoriert“. Legastheniker haben nicht selten mit den vermeintlich leichten Worten mehr Schwierigkeiten, während schwierige Wörter nahezu mühelos geschrieben werden. 

  • Innerhalb eines Textes treten unterschiedliche Schreibweisen eines Wortes auf, da eine Abspeicherung des Wortbildes nur sehr schwer stattfindet.
  • Ihre Schrift ist meist sehr unleserlich und oft lässt sie auch Spielraum für eine Interpretation, ob dort nun z.B. ein o oder ein a, ein n oder ein u steht.

Wie kommt das nun, dass Legastheniker Schwierigkeiten haben, das Lesen und Schreiben zu erlernen? 

Kinder oder Erwachsene mit einer Legasthenie nehmen die Umwelt im Bereich der Optik, Akustik, Raumorientierung und Körperschema anders, also differenziert, wahr. Sobald sie mit Buchstaben und /oder Zahlen in Kontakt kommen, tritt eine vorübergehende Unaufmerksamkeit auf. Das passiert unwillkürlich, und selbst wenn sie sich zusammenreissen klappt oft keine Aufmerksamkeit gegenüber den Buchstaben. 

Durch diese Unaufmerksamkeit und die differenzierte Wahrnehmung entstehen nun Wahrnehmungsfehler. Diese äussern sich in den vorhin aufgezählten Symptomen und sind äusserst hartnäckig. 

Es ist wichtig, zu sagen, dass es „die Legasthenie“ nicht gibt. Sie ist so individuell, wie jedes Kind individuell ist. Es gibt sie in unterschiedlichen Ausprägungen und ist in verschiedenen Formen anzutreffen. 

Genau hier muss man nun den Förderansatz anlegen. 

Er soll individuell und auf das Kind zugeschnitten sein. Ein reines Üben an den erwähnten Symptomen reicht nicht aus. 

Denn obwohl jedes Kind lesen nur durch lesen, und schreiben nur durch schreiben erlernt, muss unabdingbar ein Training in der Aufmerksamkeit und den Sinneswahrnehmungen stattfinden. Also dort, wo die Legasthenie entstanden ist. 

Wichtig ist, dass eine Förderung früh einsetzt. Je früher eine Legasthenie diagnostiziert und adäquate Hilfe eingesetzt wird, desto schneller setzen Erfolge ein und Folgeprobleme können verhindert werden. Da die Legasthenie keine Krankheit oder Behinderung ist, kann sie auf der pädagogischen Ebene auch behoben werden, sofern sie früh erkannt wird. 

Dies ist in der Regel bereits in der zweiten Hälfte der ersten Klasse möglich, sobald die Kinder eben mit Buchstaben in Kontakt gekommen sind. 

Heute spricht man über die Bücher, die Agathe Christie oder John Irving geschrieben, oder die Filme, die Walt Disney und Alfred Hitchcock produziert haben. Man spricht über Leonardo Da Vinci als grösstes Genie unserer Zeit, und man kennt Albert Einstein als grössten Physiker aller Zeiten. Thomas Edison hat für uns das „Licht“ erfunden, die Glühbirne, ohne die nun niemand mehr auskommt. 

Sie alle waren Legastheniker. Sie alle hatten Mühe, das Schreiben und Lesen richtig zu erlernen. 

Leader wie Napoleon Bonaparte, J.F.K, sein Bruder Robert Kennedy oder George Bush regierten oder herrschten sogar über ganze Nationen. 

In unserer Zeit leben der Gründer von Microsoft, Bill Gates, oder der jüngst verstorbene Steve Jobs, der Mitbegründer von Apple (iPod, iPhone…), die mit ihren Ideen und harter Arbeit ein Imperium erschaffen und aufgebaut haben. 

Zwei andere Beispiele sind Tommy Hilfiger und Ingvar Kamprad, die mit Mode, bzw. IKEA, Millionen Umsätze jedes Jahr machen. All diese Persönlichkeiten, um nur einige zu nennen, leb(t)en mit der kleinen Besonderheit legasthen zu sein und trotzallem alles erreicht zu haben. 

Oder vielleicht gerade deswegen?! 

Selbst wenn man Legastheniker ist, steht einem jede Tür offen, wie diese Menschen beweisen. Man kann nahezu alles erreichen, was man will, vorausgesetzt, man arbeitet hart, manchmal ein bisschen mehr als alle anderen. Und man muss an sich und sein Potenzial glauben. 

Die Welt wartet auf andere geniale Köpfe und da spielt es keine Rolle mehr, ob man ein wenig länger oder ein wenig anders das Lesen und Schreiben erlernt hat. 


Iris Trimboli
Dipl. Legasthenietrainerin (EÖDL) Training nach der AFS-Methode 
www.verschrieben.ch

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